Für Sie gelesen und besprochen von Dr. R. Sanders

Literaturempfehlungen

Sein Leben neu erfinden Yeffrey E. Young und Janet S. Klosko

Sein Leben neu erfinden: Wie Sie Lebensfallen meistern
Den Teufelskreis selbstschädigenden Verhaltens durchbrechen…
und sich wieder glücklich fühlen

Bei „Lebensfallen“ handelt es sich eine alltagstaugliche Beschreibung der in der Psychotherapie bekannten Beziehungsschemata. So fühlen sich z.B. Menschen in Beziehungen zu anderen hinein gezogen, die ihnen gegenüber kalt sind und sie finden sogar, dass diejenigen, die ihnen am nächsten stehen, sich nicht genügend um sie kümmern oder sie nicht richtig verstehen. Oder andere stellen die Bedürfnisse anderer über ihre eigenen mit der Folge, dass die eigenen Bedürfnisse nie erfüllt werden, ja sie wissen deshalb nicht einmal was echte Bedürfnisse sind.

In diesem Buch werden 11 bekannte Muster dieser Lebensfallen beschrieben und mit Hilfe von Fragestellungen und Beispielen gezeigt, wie der Einzelne diese Lebensfallen erkennen kann, seinen Ursprung verstehen
aber insbesondere welche Schritte möglich sind, diese zu verändern.

Bei „Lebensfallen“ handelt sich um Muster, die in der Kindheit entstanden sind und sich während des ganzen Lebens eines Menschen immer wieder manifestieren. Sie sind durch etwas entstanden, was die Mitglieder einer Familie oder andere Kindern den betreffenden angetan haben. Man ist vielleicht verlassen, kritisiert, übermäßig geschützt, missbraucht, misshandelt oder ausgeschlossen worden oder irgendetwas wurde vorenthalten. Zumindest sind die Betroffenen in einer Weise geschädigt worden. Und mit der Zeit wird die Lebensfalle zu einem festen Bestandteil und das Problem besteht insbesondere darin, dass man seine Lebensrealität so organisiert, dass man immer wieder schlecht behandelt, ignoriert oder von anderen beherrscht wird. Sie bestimmen Denken, Fühlen, Handeln und die Art, wie Menschen zu anderen in Beziehung treten. Sie aktivieren starke Gefühle wie Ärger und Wut Traurigkeit oder Angst.

Das Buch bietet eine sehr praktische Möglichkeit, sowohl für Berater und Beraterinnen als auch gerade für Ratsuchende selbst, diese Lebensfallen zu identifizieren und dann mit diesem Wissen so tatsächlich neue Strategien entwickeln zu können, sein Leben zu meistern.

David Howe
Bindung über die Lebensspanne

Junfermann Verlag, Paderborn, 2015

Bindung über die LebensspanneSeit nun über 30 Jahren arbeite ich mit Paaren, um ihnen zu mehr Zufriedenheit im Miteinander zu verhelfen. Ein Schlüssel, um die Schwierigkeiten im Miteinander zu verstehen, ist das Wissen um das Geworden sein des Einzelnen. Was musste er oder sie als Kind sich an Verhaltensweisen einfallen lassen, um in der Welt der Großen klarzukommen? Da sind manche Strategien entwickelt worden, die früher einmal sehr hilfreich waren, heute allerdings destruktiv beziehungsweise maladaptiv. Dabei war und ist mir die Bindungsforschung und ihre Ergebnisse für das Verstehen des Gestaltens einer engen Beziehung heute eines der wichtigsten Hilfsmittel. Denn als Erwachsene bringen wir in jede enge Beziehung auch immer unsere komplexe emotionale Vorgeschichte mit. Daher passen unsere Bindungsbedürfnisse und die Reaktionen unserer Partner oder engen Freunde manchmal nicht zusammen. Wird dann klar, wo die Ursachen liegen, ist das die Voraussetzung, konstruktives Miteinander einzuüben und dadurch das Miteinander nachhaltig zu verbessern.
Im vorliegenden Buch findet sich eine gut lesbare Übersicht über die Ursprünge der Bindungsforschung, die unterschiedlichen Bindungsmuster, Typen und Stile, wie sie sich im Laufe des Lebens entwickeln und welche Bedeutung sie für das Gestalten einer engen Beziehung haben. Es ist eine gelungene Verbindung von Entwicklungspsychologie und Erwachsensozialpsychologie, die allen Kolleginnen und Kollegen zu empfehlen ist, die mit Menschen arbeiten, die immer wieder an Probleme in ihrem nahen Umfeld stoßen und Wege daraus suchen.

Rainer Sachse & Jana Fasbender
Kinder falsch erziehen, aber richtig!!!
Klett Cotta Verlag, 2016 Stuttgart, 14,95 €

Zwei psychologische Psychotherapeuten schreiben einen satirischen Ratgeber zum Thema Kindererziehung. Dieses kleine Bändchen ist wirklich sehr lustig geschrieben, so dass man es Eltern mit einem leichten Zwinkern empfehlen oder es in der Wartezone einer Beratungsstelle auslegen kann. Die entscheidenden Momente der Persönlichkeit eines Menschen, wie die Suche nach Anerkennung, nach Bedeutsamkeit, nach Verlässlichkeit, nach Solidarität, nach Autonomie und nach dem Respekt vor persönlichen Grenzen werden in ihren negativen Seiten so überzeichnet, dass die Leserin und der Leser sich wirklich darauf einlassen können und so ihr eigenes Verhalten reflektieren. Etwa zum Thema Bedeutsamkeit bzw. Wichtigkeit: So behandeln Sie ihr Kind wie Luft! oder zum Thema Grenzen respektieren: So nehmen Sie ihrem Kind jegliche Privatsphäre. Aber zu jedem Kapitel gibt es natürlich auch den Hinweis „Ganz im Ernst“, in diesen wird in einfachen Worten darauf hingewiesen, was Eltern für die Entwicklung ihres Kindes tun können.

Warum schreiben das zwei Menschen, die in der Therapie mit Erwachsenen arbeiten, die unter psychischen Störungen leiden? Es sind immer wieder die biographischen Themen, in der die Problematik fußt, die prägenden frühen Erfahrungen mit den primären Bezugspersonen.

Nicole Strüber

Die erste Bindung

Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2016

Junge Eltern und besonders junge Mütter sind nicht selten einer inneren Zerrissenheit, einer Inkonsistenz ihres psychischen Geschehens ausgeliefert. Auf der einen Seite haben sie eine durch die Entwicklungsgeschichte der Menschheit geprägte Intuition, wie sie sich ihrem Säugling gegenüber angemessen verhalten sollten. Auf der anderen Seite stehen gesellschaftliche Erwartungen, doch möglichst bald wieder in den Berufsalltag einzusteigen dem diametral entgegen. Da tragende soziale Netzwerke weggebrochen sind, ist die Mutter nicht selten in einer Situation, die die Bindungsforscher Klaus und Karin Grossmann als: Einzelhaft mit Kind bezeichnen. Welche Hilfestellung in dieser Situation, letztlich in diesem Entscheidungsprozess kann dazu die wissenschaftliche Forschung liefern?

In dem vorliegenden Buch ist es der Autorin in hervorragender Weise gelungen, genau darauf Eltern heute eine fundierte Antwort zu geben. Und vor allem ist diese so geschrieben, dass eine interessierte breite Leserschaft sie ohne weiteres verstehen kann. Sie hilft wissenschaftlich begründet, seine eigene Meinung zu finden und diese ggf. auch gegen wohlmeinende Verwandte, Nachbarn oder Arbeitgebern zu vertreten.

Aufgezeigt wird, was im Gehirn eines werdenden Menschen im Mutterleib und eines Säuglings passiert, wie die ersten Schritte in Richtung der Persönlichkeit gegangen werden, wie die genetische Ausstattung und die Umwelt einander beeinflussen, wie die Bindung insbesondere zur Mutter die Persönlichkeit reifen lässt. Darüber hinaus, wie „Mutter Natur“ das Gehirn der Mutter verändert und es so ausstattet, intuitiv das Richtige für diesen neuen Menschen zu Verfügung zu stellen. Und was ist mit dem Vater? Wenn es auch erst wenige Studien dazu gibt, wird doch deutlich, dass auch sein Gehirn sich an dieser Situation anpasst und er intuitiv weiß, was für Mutter und Kind zu tun ist. Für Mutter Schutz bieten und für das Kind sich zu einen solchen Vater zu entwickeln, der ihm Mut macht, die Welt zu entdecken. Mit Vater im Rücken lernt der neue Erdenbürger, den sicheren Hafen der Mutter zu verlassen und sich als eigenständiges Wesen zu erfahren.

Ein solches Buch kann nicht ohne Auswirkungen auf die Gesellschaft, auf die Politik bleiben. Ist es wirklich sinnvoll, Mütter sehr schnell wieder in den Produktionsprozess zu schicken, die gleichzeitig ihre Intuition bekämpfen müssen für ihr Kind da zu sein? Und wenn dies nicht anders geht, wie muss dann der Betreuungsschlüssel im Kinderkrippe aussehen?

Ein wunderbares Buch, einerseits für werdende Eltern, aber auch für gesellschaftlich und politisch Verantwortliche bei der Beantwortung der Fragestellung: Was brauchen Familien heute, um für sich selbst, also für die Erwachsenen wie auch für die Kinder ein Umfeld zu schaffen, in dem alle gut gedeihen können?

Und nicht unerwähnt darf man lassen, dass die Autorin Mutter von Zwillingen ist.  Sie weiß also wovon sie spricht und als erwiesene Expertin zusammen mit Gerhard Roth das Buch: Wie Gehirn die Seele macht (Klett- Cotta), geschrieben hat.

Dr. Rudolf Sanders