Integrative Theorie, Praxeologie und Praxis

Da das Wort integrativ in der Therapieszene immer häufiger auftaucht, soll einleitend einiges zum Thema Integratives Verfahren gesagt werden.

Die ersten Anfänge integrativer Theorie, Praxeologie und Praxis datieren Mitte der 1960er Jahre. Die BegründerInnen dieses Ansatzes: Hilarion Petzold und Johanna Sieper, seit 1974 dann Ilse Orth und Hildegund Heinl († 2005) haben dieses komplexe Verfahren und seine vielfältigen Methoden und Anwendungsformen als einen „bio-psycho-sozial-ökologischen Ansatz in der Lebensspanne“ mit einer klaren entwicklungspsychologischen Orientierung erarbeitet. Ausgehend von ihrer „anthropologischen Grundformel“ der Integrativen Therapie (IT) (1965, 2003e*) blicken sie auf Menschen, Frauen und Männer als „Körper-Seele-Geist-Wesen im sozialen und ökologischen Kontext und Kontinuum“.

Aus dieser Sichtweise entstand in konsequenter Ausarbeitung eine „Integrative Humantherapie“. Ein wichtiges Anliegen ist ihnen, den Menschen nicht reduzierend in all diesen fünf Dimensionen zu erfassen, die für Gesundheit, Wohlbefinden, Persönlichkeitsentwicklung grundsätzliche Relevanz haben, aber auch für Störungen, Erkrankungen und Lebensprobleme bedeutsam sind.

Das übersteigt natürlich bloße Psychotherapie. Moderne Ansätze der Bio- und Neurowissenschaften, aber auch der aktuellen Philosophie des Geistes und der Phänomenologie und Metahermeneutik machen das deutlich (2017f).

Wahrnehmung, Geist, Gefühl und Wollen, sind „verkörpert“, sind an ein „embodiment“ gebunden, sind Leiblichkeit, im Leib-Subjekt integriert (2009c). Und dieses wiederum ist nicht zu trennen vom sozialen und ökologischen Zusammenhang, von der „embeddeness“ in die Welt (2002j, 2015k). Das alles erscheint komplex und das ist es auch, aber es spielt im Leben eines jeden Menschen zusammen. Jeder, der sein Leben in den Blick nimmt, erkennt das.

Unser wachsendes Wissen über leibliche Außenwahrnehmungen (Exterozeptionen) und Innenwahrnehmungen (Interozeptionen) und über unsere Gedächtnissysteme, über Ökologien, Umweltbelastungen, und auch über die Heilwirkungen der Natur zwingt, all diese Dimension der „Grundformel“ für die Arbeit mit Menschen – Kinder, Erwachsene, alte Menschen, Familien, Paare, soziale Netzwerke – zu nutzen: kurativ in heilender Zielsetzung und salutogenetisch in entwicklungs- und gesundheitsfördernder Ausrichtung. Deswegen wurden von im integrativen Verfahren die Methoden der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie entwickelt, deshalb auch die Integrative Psycho- und Soziotherapie, weiterhin die Methoden Integrativer Kreativitätstherapie (z. B. Kunst-, Musik- und Tanztherapie) und die naturtherapeutischen Methoden.

Heute geht es nämlich wesentlich auch um die Wiederherstellung unentfremdeter Bezüge zur Natur** und um die Verbindung eines „caring for people“ und „caring for nature“. Auch meditative Ansätze wie die Naturmeditation (green meditation), zur Förderung des geistigen Lebens und agogische Ansätze für das Lehren und Lernen – insgesamt für eine „Integrative Bildungs- und Kulturarbeit“ – wurden mittlerweile entwickelt. Für diesen Reichtum an methodisch-praktischen Arbeitsmöglichkeiten konnte anhand des Modells eines „Tree of Science“ eine übergreifende Wissensbasis geschaffen werden (2007h), die über die Jahre immer wieder anhand neuer Forschung aktualisiert wird und durch eine inzwischen breite KollegInnenschaft weitere Vertiefung erfährt.

Der Niederschlag findet sich in den vielfältigen Veröffentlichungen, die sich kostenfrei auf der Webseite  https://www.fpi-publikation.de/polyloge/ finden.

Das Verfahren ist jetzt in seiner „Dritten Welle“ (mit der Millenniumswende 2000) und inzwischen gut fundiert. Es muss sich allerdings in schwierigen gesundheitspolitischen Feldern und berufspolitischen Situationen behaupten, Bereichen, in denen oft mit reduktionistischen oder simplifizierenden Ansätzen gearbeitet wird. Diese werden Menschen, ihren Bedürfnissen und Nöten, aber auch ihren Potentialen und Chancen häufig nicht gerecht. In der IT wird dagegen eine Theorie und Praxis vertreten, die darauf gerichtet ist, für Menschen, ihre sozialen Netzwerke und ihre ökologischen Kontexte hilfreich und förderlich zu sein.

Ein solches Verfahren und seine Methoden leben mit den Menschen und durch die Menschen, die sie repräsentieren, die sie lehren und in ihren therapeutischen und agogischen Arbeitsbereichen überzeugend und glaubwürdig vertreten und auch in ihrer Lebenspraxis integrative Leitideen umsetzen – als Einzelpersonen und als Gemeinschaften.

Und da sind nicht nur TherapeutInnen im Blick, sondern auch PatientInnen und KlientInnen, die durch den Integrativen Ansatz Hilfen und Förderung erfuhren. Ein Beispiel sind die Menschen, die sich 2000 im Netzwerk Partnerschule e.V. zusammengeschlossen haben und durch ihre Mitgliedsbeiträge und Spenden allen Paaren, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten, eine Teilnahme an Gruppen ermöglichen und Kosten für eine parallele Kinderbetreuung übernehmen.

Der Einbezug dieser Menschen ist immer wichtig, denn „PatientInnen und TherapeutInnen sind PartnerInnen in kritischer Kulturarbeit“ (2000d). Durch ihre Mitgliedschaft im Netzwerk Partnerschule e.V. zeigt sich, dass diese Vorgehensweise, eine Paartherapie im Integrativen Verfahren, als eine engagierte Arbeit für Menschen und für die menschliche Gesellschaft und die Natur erkannt und wertgeschätzt wird. Netzwerke und die in ihnen wirkenden gemeinsamen Gedanken, Gefühle und Willensentschlüsse – „kollektiven Repräsentationen“ wie Serge Moscovici sagt – haben die Chance, dass ihre Anliegen durchtragen und Verbreitung finden und damit vielen Menschen zu Gute kommen.

Partnerschule als fokale Kurzzeittherapie im Integrativen Verfahren

Paare suchen eine Paartherapie auf, weil sie gezielt ihre Interaktion und Kommunikation im Miteinander in den Blick nehmen und diese vor allen Dingen verbessern wollen, so dass die Zufriedenheit im Miteinander zum Guten sich verändert.

Dieses Gute kann auch bedeuten, dass ein Paar sich nach der Therapie trennt, weil beide nun wissen, warum ihre Liebe keine Perspektive hat. Sie haben dann allerdings so viel an Beziehungskompetenzen dazu gewonnen, dass sie wohlwollend miteinander den Trennungsprozess gestalten und auch für ihre Kinder weiterhin die Elternschaft kooperativ zum Wohl der Kinder wahrnehmen können.

Die Partnerschule als fokale Kurzzeittherapie der Integrativen Behandlungsmethode (Petzold 1993) stellt in Theorie und Methodologie dar, wie fokaldiagnostisch relevante Schwerpunkte in einem Behandlungsprozess über einen Zeitraum von 15 bis 25 Einheiten (je ca.100 Minuten) ausgewählt und angegangen werden (Sanders 2000, S.118 – 126).

Paartherapeutinnen und Paartherapeuten haben damit einen klaren Rahmen, in welchem sie Entwicklungsprozesse mit einem Paar gestalten können.  Darüber hinaus besteht auch die Möglichkeit, diesen Ansatz als Gruppentherapie mit drei bis acht Paaren zu nutzen.

„Die Partnerschule … beinhaltet durch einen stark erfahrungsbezogenen und auch gestalttherapeutischen Ansatz eine Methodik und Didaktik, die auch für jene Paare leicht zugänglich ist, die mit einer rein kognitiven Informationsvermittlung ihre Probleme haben….. die Partnerschule kann dann empfohlen werden, wenn bereits ein deutliches Gefährdungspotenzial für eine Ehe vorliegt….“ Zitat aus der Dissertation an der Universität Greifswald von Ulf Harder, 2012: Prävention in der Seelsorge, S. 425 f, Verlag Neukirchen-Vluyn.

Seit August 2016 wird die Partnerschule in der Grünen Liste Prävention beim Justizministerium in Niedersachsen geführt.

Das Buch zur Partnerschule Sanders, R. (2006). Beziehungsprobleme verstehen, Partnerschaft lernen. Partnerschule als Kompetenztraining in Ehe- und Familienberatung. Paderborn: Junfermann können Sie kostenfrei beim Junfermann Verlag herunterladen.

*Die Jahreszahlen beziehen sich auf Texte in der Gesamtbibliographie Hilarion G. Petzold, POLYLOGE 1/2014a, 1/2019a, http://www.fpi-publikation.de/polyloge/alle-ausgaben/index.php.

** Vgl. Petzold, H. G., Ellerbrock, B., Hömberg, R.  (2018): Die neuen Naturtherapien. Handbuch der Garten-, Landschafts-, Waldtherapie und Tiergestützten Therapie, Green Care und Green Meditation. Bd. I. Bielefeld: Aisthesis.

Sanders, R. (2000): Partnerschule…. damit Beziehungen gelingen! Grundlagen – Handlungsmodelle – Bausteine – Übungen, Erprobte Wege in Eheberatung und Paartherapie. Paderborn: Junfermann Verlag.